GEZIELTE THERAPIEN
Mitunter ist eine Operation unvermeidlich. In vielen Fällen ermöglicht sie eine spürbare Linderung der Beschwerden oder sogar Schmerzfreiheit und schafft damit die Voraussetzung für eine Rückkehr zu einem weitgehend normalen Leben.
Die Erfolgsquote eines operativen Eingriffs liegt im Allgemeinen zwar recht hoch, aber Ihre Mitarbeit ist dennoch gefragt.

Das Beckenboden-Training an sich wird in jedem Fall unabdingbar sein. Entweder wird es allein ausgeführt, oder in Kombination mit Elektrotherapie oder einem Biofeedbackgerät, entweder als Vorbereitung auf eine Operation oder spätestens danach. Es ist also ratsam, das Beckenbodentraining so früh wie möglich in Ihren Alltag zu integrieren. Sie werden sehr bald spüren, wie gut es Ihnen tut und Sie die Kontrolle über Ihren Körper wieder ein Stück weit übernehmen können.
Beckenboden-Repair mit Netzen
Heute stehen verschiedene synthetische Netze (meshes) zur Verfügung, um einer aus dem Lot geratenen weiblichen Anatomie neue Stabilität zu verschaffen.
Einige dieser Netze sind zum Beispiel mit sogenannten „Armen“ versehen und können spannungsfrei eingebracht werden. Es liegt spannungsfrei, da es nicht angenäht wird. Den Halt des Bandes kann man mit einem Klettverschluss vergleichen. Diese Arme laufen durch bestimmte Kompartimente im Beckenbereich und verwachsen dann mit der Zeit mit bestimmten körpereigenen Ligamenten (Haltebänder), Faszien und Bindegewebe.
Kunststoffnetze oder Eigengewebe?
Viele Länder (England, Irland, Australien, Neuseeland, die USA und Kanada) haben die Verwendung von Kunststoffnetzen wegen der hohen Komplikationsrate verboten. In anderen Ländern, darunter auch in einigen europäischen und asiatischen Ländern, stehen sie weiterhin zur Verfügung.
Eine Zusammenfassung von 51 Studien mit 7846 Frauen in 19 Ländern durchgeführt, kommt zu dem Schlus, dass die Verwendung von Kunststoffnetzen zwar in den meisten Fällen nicht befürwortet wird, dass es aber einzelne Fälle geben kann, in denen Frauen aufgrund ihrer besonderen gesundheitlichen und körperlichen Voraussetzungen von dieser Option profitieren können. In diesen Fällen sollten Kunststoffnetze in Übereinstimmung mit den nationalen Aufsichtsbehörden für Medizinprodukte sowie den örtlichen Ethikkommissionen verwendet werden. Die permanenten Netze waren aus Polypropylen, mit Ausnahme von einer Studie, bei der Polytetrafluorethylen, allgemein bekannt unter dem Handelsnamen Teflon, verwendet wurde. Der Vergleich bezog sich auf Kunststoffnetze und Eigengewebe.
Der prozentuale Anteil der Frauen, mit Implantaten aus Eigengewebe, die sich nach einigen Jahren erneut einer OP unterziehen mussten, war niedriger als bei Frauen mit Kunststoffnetzen.
Allerdings wurde die Evidenz (Beweis) der Studien mit niedrig bis moderat eingestuft.
Der häufigste Grund für die Entfernung permanenter Kunststoffnetze sind Schmerzen und nicht die Loslösung des Netzes.
Bandoperationen
Eine häufig angewandte Methode ist das sogenannte TVT (Tension-free Vaginal Tape). Es handelt sich hierbei um spannungsfrei eingebrachte vaginale synthetische Bänder, welche unter die Harnröhre gelegt werden und hinter dem Schambein fixiert werden, um die Harnröhre (Urethra) so zu stabilisieren. Diese Bänder unterstützen die Urethra wie eine stabilisierende Hängematte
Während des Heilungsprozesses durchdringt Bindegewebe die Bänder, so dass sie stabil mit der Umgebung verwachsen. Eine später eventuell notwendige Revision ist daher nur schwer möglich. Die Bänder verbessern die anatomische Lage der Harnröhre und tragen so zur Kontinenz der Blase bei.
Für Inkontinenz-Operationen der Blase wählte man früher einen abdominalen Zugang (also durch den unteren Bauchraum), während heute minimal-invasive vaginale Eingriffe unter Spinalanästhesie oder Vollnarkose stattfinden und nur etwa 20 Minuten dauern.
Die Erfolgsquote ist bei 80–90 %.
Kolposuspension
Bei der vorderen Scheidenplastik
(anteriore Kolposuspension zur Hebung des Blasenhalses) wird die vordere Scheidenwand am Periost (Knochenhaut) und am Knorpel der Symphyse (OP nach Marchall-Marchetti-Krantz-MMK) befestigt.
Retropubische (hinter dem Schambein) Kolposuspensionen (Burch- oder MMK-Verfahren) werden seit über 50 Jahren über einen Unterbauchschnitt durchgeführt. Bei dieser Operation werden Nähte in die Scheidenwand entlang der Harnröhre am Blasenhals gesetzt und dann an Bändern (Ligamente) in der Nähe des Beckens (Cooper-Bänder) oder in das starke Gewebe, das die Rückseite des Schambeins bedeckt, befestigt. Die Nähte heben die Scheidenwand an, auf der die Harnröhre ruht, und geben dem Blasenhals und der Harnröhre somit Halt. Diese Eingriffe können auch laparoskopisch durchgeführt werden.
Die Laparoskopie ist ein minimal-invasives Operationsverfahren bei dem im Rahmen einer Bauchspiegelung, Operationen schonend durchgeführt werden können.
Das Verfahren führt bei mehr als 70 % der Patienten mit Belastungsinkontinenz zu einer langfristigen Verbesserung.
Bei Bedarf werden Raffnähte angelegt und auseinandergewichenes Muskelgewebe wird neu adaptiert (angepasst), dilatiertes („ausgeleiertes“) Scheidengewebe kann bei Bedarf entfernt werden (= Kolporrhaphie; Raffung bzw. Stützung der Scheidenwände).
Bei der hinteren Plastik
(= Levator-Damm-Plastik) befestigt der Operateur die hintere vaginale Wand am Lig. sacrospinale (= OP nach Amreich-Richter) oder am Lig. sacrotuberale.
Zusätzlich rafft man Muskelgewebe vom M. levator ani.
Das Vorgehen bei der hinteren Plastik kann leicht die Nn. splanchnici (Nerven, die die inneren Organe versorgen) verletzen und führt daher oft zu Entleerungsschwierigkeiten von Darm und Blase.
Harnröhren-Einspritzungen
Minimal-invasives Therapieverfahren für Harn- und Stuhlinkontinenz
Im Zusammenhang von Harn- und Stuhlinkontinenz bezeichnet man als Bulking Agents unterschiedliche Substanzen, die je nach Diagnose zugeschnitten werden auf Ihr individuelles Beschwerdebild. Dabei werden eine dieser Substanzen mit einer Spezialnadel im Schließmuskelbereich der Harnröhre unter die Schleimhaut gespritzt. Dadurch entsteht eine Unterpolsterung, die den Schließmuskel der Blase (interner & externer Sphinkter) verengt und somit abdichtet.
Mögliche Substanzen sind Partikel aus: Teflon, Bioglas, Kollagen, Silikon oder auch so genannte Silikonmikroballons.
Wie lange eine solche Behandlung wirksam ist, ist unterschiedlich. Der Effekt scheint jedoch häufig nicht dauerhaft anhaltend zu sein und bei starker Harninkontinenz evtl. ungenügend. Obwohl die Kontinenzrate nach diesem Verfahren geringer ist als bei der Schlinge (TVT) oder dem Burch-Verfahren, sind Harnröhreninjektionen viel weniger invasiv, erfordern keine Schnitte, haben eine niedrige Komplikationsrate und können in einer Praxis oder ambulant durchgeführt werden.
7 von 10 Frauen, die eine Füllmaterialinjektion erhalten haben, berichten, dass sich ihre Inkontinenz verbessert oder ganz aufgehört hat. Diese Verbesserung hält etwa 1 bis 2 Jahre an. Kehrt die Undichtigkeit zurück und ist störend, kann derselbe Eingriff wiederholt oder eine alternative Behandlung gewählt werden.
Empfohlen wird dieses Verfahren bei Frauen
- in schlechtem Gesundheitszustand, für die ein invasiverer Eingriff oder eine Anästhesie nicht sicher ist
- bei Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten
- die sich nicht von einer Operation erholen können
- die bereits eine erfolglose Inkontinenzoperation hinter sich haben
Die Behandlung kann in Lokalanästhesie oder unter kurzer Narkose erfolgen.
Zelltherapie
Eine neue Zelltherapie (Urologe Hannes Strasser und Radiologe Ferdinand Frauscher, Universitätsklinik Innsbruck) wurde bereits mit erstaunlichem Erfolg erprobt. Unter lokaler Betäubung wird ein kleines Stückchen Muskelgewebe aus dem Oberarm entnommen und im Labor vermehrt. Dieser Prozess dauert einige Wochen.
Zum einen werden Myoblasten gezüchtet – also Zellen, die Muskel- und Bindegewebe bilden. Die Myoblasten werden dann transurethral (durch die Harnröhre) in den Schließmuskel der Harnröhre injiziert.
Zum anderen werden Fibroblasten gezüchtet, die in die atrophierten Bereiche der Submucosa (die dünner werdende Schleimhaut) der Harnröhre gespritzt werden.
Der Schließmuskel wird dadurch kräftiger und dicker und verschließt die Harnröhre besser. Die Fibroblasten bauen die Schleimhaut der Harnröhre wieder auf und dichten so die Harnröhre besser ab.
Der Eingriff dauert nur wenige Minuten unter Narkose. Unmittelbar danach beginnt das Beckenbodentraining.
Begleitend gibt es eine Elektrostimulationsbehandlung, die das Anwachsen der Zellen in den ersten drei bis vier Wochen unterstützen soll.
Die Therapie eignet sich – wie alle anderen bisher verfügbaren Operationstechniken – nicht für jede Patientin. Bei deutlichen Vernarbungen der Harnröhre oder aber bei einer starken Senkung der Blase sind die Erfolgschancen gering.
Für den Heilerfolg spielt das Alter der Patienten jedoch kaum eine Rolle – was vielversprechend ist.
Etwa 85 Prozent der Patienten (was auch Männer inkludiert z.B. nach Prostata-Entfernung) sind nach eigener Definition der Klinik geheilt, laut Strasser. Komplikationen oder Nebenwirkungen, versichert der Urologe, habe man bisher bei keinen der Behandelten beobachtet.
Sakrale Neuromodulation
Es sind die Nervenstränge unseres vegetativen Nervensystems, die für die Steuerung der Blase und des inneren Harnröhrenschließmuskels verantwortlich sind und das Signal ans Gehirn senden: „Blase voll, bitte entleeren“. Kommt es hier zu einer Störung dieser feinen Steuerung, lässt sich der Harntrakt nicht mehr wie gewünscht willentlich steuern. Die Folge kann dann entweder eine Harninkontinenz sein, oder das Gegenteil, eine nicht funktionierende Entleerung der Blase.
Mittels dieser Neuromodulation lassen sich über feine Elektroden feine Nervenbahnen am Kreuzbein (Sakrum) elektrisch stimulieren (daher der Name der Behandlung „sakral“). Sie basiert auf sehr schwachen und ungefährlichen elektrischen Impulsen zur Stimulation, die Sie nicht oder nur minimal als angenehmes, leichtes Kribbeln wahrnehmen. So können die Reflexe wiederhergestellt werden, die für eine korrekte Harnblasen- und Schließmuskel-Funktion erforderlich sind. Die Technologie greift regulierend in die Harnblasensteuerung ein und korrigiert fehlerhafte Signale.
Das Verfahren kann sowohl für Patientinnen mit überaktiver (hypertoner) wie auch mit schlaffer (hypotoner) Blase hilfreich sein.
Die Elektroden werden dabei durch die Haut an den Kreuzbein-Nervenwurzeln im kleinen Becken platziert und mit dem batteriebetriebenen Stimulator verbunden. Dieser kann dann mit einem Steuergerät kontaktlos von den Patienten selbst ein- und ausgeschaltet werden.
Meist wird das Verfahren erst einige Tage lang getestet. Zeigt die Behandlung erste Erfolge, kann das Stimulationssystem dauerhaft implantiert werden. Der Schrittmacher hat etwa das Format einer Streichholzschachtel. Er wird in einem kleinen operativen Eingriff an Ihrem Gesäß unter der Haut implantiert. Dieser Eingriff ist kurz und unkompliziert.
Hinweis zu den in der Seitenleiste verlinkten Produkten:
Diese stellen keine Affiliate-Links dar. Zwischen Beckenbodenvital und den genannten Herstellern oder Shops bestehen keine geschäftlichen Verbindungen. Es erfolgt keine Vergütung beim Kauf über diese Links.
Die Verlinkungen dienen der Orientierung und ermöglichen es, die im Artikel genannten Naturheilmittel und Produkte schneller zu finden.
Es besteht keine Garantie für Vollständigkeit, da es eine Vielzahl vergleichbarer Produkte am Markt gibt. Die Verlinkungen führen zu externen Webseiten, auf deren Inhalte und Verfügbarkeit Beckenbodenvital keinen Einfluss hat.
Qualitativ hochwertige Inkontinenzwäsche trägt wesentlich zum Wohlbefinden bei und erleichtert den Alltag im Umgang mit Einlagen.
Die vorgestellten Produkte stellen keine Kaufempfehlung dar, sondern sollen lediglich einen Überblick über die verschiedenen Modelle und Arten der Anwendung aufzeigen.
Anzeige
Würfel-Pessare zur Unterstützung bei Senkungs-Beschwerden
Eine Operation allein reicht häufig nicht aus. Erst die Kombination aus einem gut trainierten Beckenboden, einer gesunden Körperhaltung, einer nährstoffreichen Ernährung,

einer intakten Darmflora und einem gesunden Lebensstil schafft die Voraussetzungen für einen langfristigen Behandlungserfolg.
Es gibt unterschiedliche operative Methoden, die immer individuell entschieden werden müssen.

Einen guten Arzt erkennen Sie daran, dass er sich die Zeit nimmt, über die OP-Verfahren aufzuklären, über die Risiken informiert und verständnisvoll auf Ihre Fragen eingeht.
Die Burch-Kolposuspension
zur Therapie der Belastungsinkontinenz wurde 1961 erstmals beschrieben und galt lange Zeit als „Goldstandard“ für die Behandlung der Belastungsharn-inkontinenz, insbesondere wenn diese mit einer Hypermobilität (übermäßige Beweglichkeit) der Urethra (Harnröhre) einherging.
1996 beschrieb Ulmsten die OP Technik für das tension-free vaginal tape (TVT), sodass die Kolposuspension nach Burch immer seltener eingesetzt wurde.
Nach der Warnung der US-Behörde FDA (Food-and Drug Administration) vor der Verwendung transvaginaler Netze im Jahr 2011 wurden viele Produkte unter wirtschaftlichem, rechtlichem und politischem Druck vom Markt genommen.
In einigen Ländern führte dies zu einem generellen Verbot synthetischer Netze und auch manche Patientinnen fragen dezidiert nach einer Therapiemethode, die auf alloplastische Netze verzichtet, sodass die Burch-Kolposuspension eine Renaissance erlebt. Inzwischen wird sie meist minimalinvasiv durchgeführt.
Der Einsatz des da Vinci-OP-Roboters erleichtert diese Naht-intensive Operation deutlich.
Bevor Sie eine endgültige Entscheidung treffen, lesen Sie sich unbedingt weitere Artikel durch.
Informieren Sie sich ausgiebig und lassen Sie sich nicht zu einer raschen Entscheidung drängen.
Eine vollständige Entfernung dieser „meshes“ (Netze) ist anschließend nicht mehr möglich.
Lassen Sie sich nicht von Fachausdrücken einschüchtern und stellen Sie Fragen, bis Sie verstanden haben, was mit Ihrem Körper passiert während der Operation.
Besuchen Sie
gerne auch
die Webseite der
Inkontinenz-
Selbsthilfe-Gruppe
wo Sie sich
mit anderen
Betroffenen
austauschen
können.
Unser Ziel ist es, Betroffenen und ihren Angehörigen verständliche Informationen, emotionalen Rückhalt und praktische Hilfe zu bieten.
Als Gemeinschaft von Betroffenen möchten wir Ihnen zeigen, wie wichtig unsere Selbsthilfeorganisation ist und wie gezielt wir die Lebensumstände von Menschen mit Inkontinenz verbessern.
Wir sind motiviert, gut informiert und engagiert und stehen Ihnen als zentrale Anlaufstelle zur Verfügung.
Gezieltes Beckenboden-Training wird oft vor einem operativen Eingriff angeraten und danach zumeist auch, um den Behandlungserfolg aufrecht zu erhalten.
Fangen Sie noch heute damit an!
Lernen Sie Ihren Beckenboden kennen und kräftigen Sie seine Muskulatur.
Genesung
kann ein Pfad sein,
auf dem man sich selbst
wiederfindet.
